„Sie lügt.“ Ich ersetze den Satz durch: „Ihr Kopf macht Fehler – und sie merkt es nicht.“ Das verändert meine Bewertung grundlegend. Diskussionen sind sinnlos. „Das stimmt doch gar nicht“ erzeugt Reibung, ohne zu klären.
Unsere Mutter behauptet fragwürdige Dinge.
Sie sagt, sie habe die Christrosen vom Grab unseres Vaters weggeworfen – definitiv falsch. Ich habe die welken Pflanzen vor Wochen entsorgt, in ihrem Beisein.
Sie sagt, sie habe zwei von drei eingekauften Tiefkühlgerichten gegessen. Nach erneutem Einkauf hat sie nun sechs Tüten im Tiefkühlschrank.
Sie sagt, Kaffee müsse dringend besorgt werden. Hätte ich selbst nachgesehen, wäre aufgefallen, dass mehr als ausreichend Vorrat vorhanden ist. Fehlzuordnungen? Erinnerungslücken, die mit
Überzeugungen gefüllt werden?
Die schwarzen Sitze ihres Mercedes beschreibt sie wiederholt als „blau“ – nicht ohne ein gewisses Staunen. Wahrnehmungsverschiebungen?
Einkäufe ohne Struktur, doppelte oder unnötige Anschaffungen. Entscheidungen mäandrieren, wie etwa eine Szene im Gartencenter, als es um die Bestückung einer Vase geht. Sie verliert zunehmend
ihre ohnehin mangelhaft ausgebildete Fähigkeit, Entscheidungen ohne Umschweife zu treffen.
Sie kommentiert jeden Handgriff. Erklärt Dinge, die offensichtlich sind, fragt ständig nach – etwa „Schal umtun? Mütze auf? Haare schneiden lassen? Oder so lassen? Ich esse ja nur Erdbeer- oder Kirschmarmelade.“ Selbstvergewisserung? Denkt sie einfach nur laut?
Ihr gebricht es auch an Strategien zur Problemlösung: Was genau ist zu tun, wenn etwas nicht „funktioniert“ – Bedienfehler mal außen vor gelassen. Wen genau rufe ich unter welcher Nummer an, wenn
xyz nicht funktioniert? Mit welchem Ziel?
Hinzu kommen motorische Unsicherheiten, beim Umfüllen von Vogelfutter, das mehrfach daneben geht, beim Öffnen von Behältnissen unterschiedlicher Art, beim Zeichnen. Josephine erzählte mir
kürzlich, sie hätte Schwierigkeiten beim Ausfüllen von Mandalas. Früher war sie eine begabte Zeichnerin, ja, Karikaturistin!
Auch das Lenken eines Kraftfahrzeugs ist zu einem unkalkulierbaren Risiko geworden. Ein Punkt ist dabei bereits praktisch entschieden: Ich fungiere nicht als ihre Beifahrerin. Besteht sie darauf,
sage ich ganz klar: Dann laufe ich nach Hause. In einer konkreten Situation hat sie mich dann weiterfahren lassen und den aufkeimenden Zwist vergessen.
In der Gesamtschau ergibt sich ein konsistentes Muster, das über das normale Altern oder reine Stimmungsschwankungen hinauszugehen scheint. Daraus folgt für mich eine Verschiebung in der Praxis:
Die Kontrolle über Einkäufe und Abläufe wird wichtiger. Vorräte prüfen. Eher führen als fragen. Ihren Redefluss lasse ich laufen, ohne ihn zu kommentieren.
Aus all dem ergibt sich, dass ich nicht mehr von einer voll orientierten, konsistenten Person ausgehen – und entsprechend auch keine „normale Beziehung“ erwarten kann.
Anmaßend kommt es mir vor, die Frage zu stellen, ob die Entwicklung als „demenzielle Veränderung“ gewertet werden muss. Typisch erscheinen mir die Gedächtnisfehler mit Überzeugung, Wahrnehmungsabweichungen, Planungs- und Übersichtsprobleme im Alltag, ständiges Kommentieren als Selbststrukturierung sowie die motorischen Unsicherheiten.
Das alles sind Beobachtungen. Keine Diagnose. Meiner Einschätzung nach sollte der nächste sinnvolle Schritt eine geriatrische oder hausärztliche Abklärung sein. Realistisch ist: Sie wird das nicht freiwillig machen. Sie betont immer wieder, dass sie „völlig klar im Kopf“ ist. Eine direkte Konfrontation mit dem Begriff „Demenz“ ist zweifelsfrei kontraproduktiv.
Im Alltag gehe ich Schritt für Schritt dazu über, immer mehr Dinge direkt zu übernehmen, also ohne vorherige Erörterung und folglich ohne „Auftrag“. Ist das übergriffig? Ich erledige etwas, ohne zu warten, bis sie es bestätigt. Ich mache es einfach. Fertig.
Nur gut, dass sie sich keine Frühlingsblüher wie Primeln, Maßliebchen, Sommerblumen wie Fuchsien, Geranien, Sonnenhut etc. mehr von mir einpflanzen lässt, weil sie deren Pflege schon rein körperlich nicht mehr sicherstellen kann. Ich habe einen Teilbereich bepflanzt, den Rest kontrolliere ich strukturell. Der übrige Garten bleibt teilweise sich selbst überlassen. Einige Beete pflege ich sichtbar, andere lasse ich bewusst verwildern. Ich mache mich damit nicht verrückt. Was ich im Garten tue, steht sinnbildlich für Abgrenzung: sichtbare Bereiche gepflegt, Rest darf verwildern. Selektive Fürsorge statt Totalübernahme. Was habe ich mit dem Unkraut meiner Mutter am Hut?
Was sich schrittweise verändert: mehr Wiederholungen, mehr Fehlentscheidungen im Alltag, mehr Bedarf an Vormachen statt Erklären, mehr emotionale Suchbewegungen, weniger echtes Interesse an mir
als Person. Ich bin von „Tochter in Beziehung“ zu „Tochter als strukturierende Instanz“ geworden.
Im Moment ist das noch konsistent funktional. Es gibt Augenblicke, in denen ich sie anschaue, und sie ist für mich „mein Mütterlein“, schutzbedürftig. Gleichzeitig sehe ich es nüchtern: Sie ist
fast neunundachtzig Jahre alt, ein gesegnetes Alter.
Heute ist Sonntag. Ich fahre von hier aus, vom Ort meiner Kindheit, in mein Leben, nach Nordhessen. Am Dienstag bin ich wieder bei meiner Mutter, diesmal nur kurz, mit den notwendigen Dingen: Tabletten stellen, da sein.
Ich kümmere mich um das, was hängenbleibt – nicht um alles.
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