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Grenzkorrektur_2

 

Neonlicht. Immerhin hat sie einen der sechs Lichtschalter identifiziert - leider den falschen. Das Brummen erreicht mich schneller als die Leuchtkraft.

Es ist sie.

 

„Guten Morgen!“, rufe ich betont fröhlich aus dem Kopfkissen, um den Tag nicht gleich mit Dissonanz zu beginnen. „Wie spät ist es?“

„Sechs Uhr. Ich wollte dir nur den Schlüssel bringen.“ Welchen Schlüssel? Obschon erst kurz nach Mitternacht nach zweistündiger Fahrt von einem Seminar in Nordhessen angekommen, bin ich sofort hellwach.

„Ich wollte nur nachsehen, ob du da bist, habe schon in deinem Auto geschaut, ob du dort übernachtet hast …“ Als ob ich im Polo geschlafen hätte. Ich habe einen Haustürschlüssel, bin leise reingekommen, habe meinen Hund in den Garten gelassen und mich ins Gästebett im Keller gelegt.

 

Um halb acht balanciere ich auf dem Küchenfensterbrett und hänge ein kleines ovales Fensterbild auf: „I love my Granny“. Nagel in den Rahmen, justieren. Dann die Kaffeemaschine. „Die ist auch im Dutt, läuft immer über.“ Tut sie nicht. Bei korrekter Bedienung läuft sie tadellos. Ich lasse mich von ihren Geschichten berieseln. Frederics letzter Besuch. Stadtgarten. Baumarkt. Besen. Gartenschlauch. „Es war so schön, und er fährt ja ausgezeichnet Auto.“

Während des Stellens der Medikamente fällt mir, nicht zum ersten Mal, auf, dass sie die Abendmedikation das Öfteren vergisst. Sie würde es abstreiten.

Das „kaputte“ Garagentor: Jemand hat lediglich den Stecker des Motors gezogen. Die Batterie des Senders - „auch schon wieder leer“ - ist es nicht. Ich habe sie vor wenigen Wochen ausgetauscht. Der Nachbar inzwischen auch, erneut, erfolglos. Sparsam wie ich bin, lege ich die alte Batterie, beschriftet mit „nicht leer“.

Auf dem Weg zur Akupunktur bei ihrem aus ihrer Sicht „stoffeligen“ und „grobschlächtigen“ Orthopäden, merkt sie trotzdem an, er sei „ja so’n Typ wie der Frederic.“ Beide sind blond, groß, schlank und etwa gleich alt.

Im Auto beschwert sie sich über Josephine:
„Die hat ja nie Zeit, weil sie so viel Sport macht.“ Und dann sofort: „Ich muss ja schon froh sein, wenn überhaupt noch jemand kommt. Bald kommt ja gar keiner mehr.“

Tempo fünfundfünfzig. Erlaubt sind siebzig.
„Fahr´ doch nicht so schnell, pass auf!“

Ich wiederhole, was ich immer wiederhole:
„Es wird sich nichts ändern. Dienstags bin ich da. Montags, mittwochs und donnerstags gehst du in die Tagespflege. Freitags kommt Susanne von Pflege mit Herz. Ihr könnt spazieren gehen, einkaufen, im Garten sitzen, euch unterhalten. Es ist für dich gesorgt.“

Während ihrer Benadelung kaufe ich bei Aldi ein. Vor allem Salat. Ich will nicht, dass sie kocht. Ihre Kochkünste haben nachgelassen.

Die Spülmaschine wird neuerdings geschont.

Um dreizehn Uhr hat sie einen Friseurtermin. Ich bringe sie hin - eine Minute mit dem Auto - und nutze die Zeit: Wäsche falten, Maschine füllen, anstellen.

Wäsche ist einer ihrer Ankerpunkte. Fast täglich windet sie sich die steile Wendeltreppe hinunter und erzählt davon, als würde sie noch immer die Wäsche jener fünfköpfigen Familie bewältigen, die wir einmal waren.

 

Am Nachmittag Besorgungen: Capmarkt, Rossmann. Kurze Wege, enger Takt. Ich bleibe über Nacht. Abends läuft „In aller Freundschaft“. Sie zieht sich, leicht schmollend, zurück. Das Thema der Folge überfordert sie: „…so einen Blödsinn will ich nicht sehen.“ Eine Hauptdarstellerin stirbt. Mich lenkt das lenkt ab.

Bevor ich ins Bett gehe: die neuen Nachtlichter von Amazon. Ich zeige ihr, wie sie funktionieren, schicke Luna noch einmal in den Garten, sammele meine Sachen zusammen, damit nichts „herumsteht“.

Dann die Medikamentendosette.

„Du hast einen Fehler gemacht! Ich habe zwei Atorvastatin genommen! Die andere, die rote hat gefehlt.“

„Nein. Hat sie nicht. Ich prüfe das immer gründlich. Es war alles richtig. Ich diskutiere das jetzt nicht.“

Später steht sie wieder an meinem Bett. Rollt alles neu auf.

„Die Tabletten sind korrekt gestellt. Gute Nacht. Thema durch.“

Sie trollt sich, nicht ohne eine letzte Spitze:

„Du bist ja völlig übermüdet. Restlos übermüdet! Kein Wunder, dass du so gereizt bist.“ Das stimmt so nicht.

Wenig später höre ich sie oben. Türen. Das Garagentor. Wenig später steht sie wieder da, an meinem Bett.

„Weißt du, wo meine Kreditkarte ist? Du hast doch heute Geld abgehoben.“

Im Halbschlaf bin ich für einen Moment verunsichert - obwohl ich weiß, dass ich sie in eine kleine, mit bunten Blumen bedruckte Tasche gesteckt habe, in ein Seitenfach. Sie sucht - und findet die Tasche, mithin ihre Kreditkarte. Nachts um dreiundzwanzig Uhr fünfzig steht sie wieder an meinem Bett und verkündet die frohe Botschaft, wird dann weinerlich, mit mir „reden“: „Ja, aber überleg doch mal …“ Ich steige nicht ein. Sie will Versöhnung, „… wir haben uns doch lieb, das muss doch alles nicht sein…“ Nein. Muss es nicht.

 

Am nächsten Morgen ein anderes Bild.

Auf dem Küchentisch eine Tasse: „Schön, dass es dich gibt“. Dazu ein ausgeschnittenes Papierherz: „Danke für alles, was du für mich getan hast“. Darin fünfzig Euro. Daneben ein gekochtes Ei: „Für Luni“.

„Ja, es kann ja sein“, sagt sie, „dass ich mich verguckt habe mit den Tabletten …“

Damit ist das Chaos des Vorabends aufgelöst. Ohne weitere Klärung.

Wir trinken Kaffee und warten auf den Fahrdienst. Sie wird zur Tagespflege abgeholt.

Ich fege die Außentreppen, kehre rund ums Haus. Räume auf, strukturiere. Putze das Bad, falte Wäsche, erledige, was mir auffällt: Vogelfutterstellen, abgestellte Blumenübertöpfe. Ordnen. Stabilisieren.

Garten und Garage. Dann zur Mülldeponie am Donnerberg: alte Lacke, Dünger, Gifte, defekte Geräte. Reste aus der Werkstatt meines Vaters.

Auf dem Rückweg kaufe ich Pralinen für die Putzfrau bei Edeka.

 

Beim Sortieren sehe ich ihn vor mir. Seine Reparaturen, der Garten, die Rosen. Es berührt mich, aber kontrolliert. Wie wird es sein, wenn unsere Mutter eines Tages nicht mehr da ist? Wenn wir das alles in ganz anderen Größenordnungen auflösen müssen.

 

Sie ist weg. In der Tagespflege. Gut aufgehoben. Ich arbeite in Ruhe. Alles ist in Ordnung. Ich funktioniere, trage Verantwortung.

 

Besichtigungstermin im Pflegeheim. Josephine kommt dazu, nur mal gucken. Ich freue mich auf meine Schwester. Später teilen wir uns eine dicken Hefe-Osterhasen in einem nahegelegenen Café.

 

 

 

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