Sie leidet, wenn sie einen Tag lang keinen Anruf bekommt. Die Sonntage sind die schlimmsten. Seit ihr Mann, mit dem sie über sechzig Jahre verheiratet war, vor etwas mehr als drei Jahren verstorben ist, gibt es immer wieder Tage, an denen sie alleine ist. Das kennt sie nicht. Nicht wirklich, denn wenn ihr Mann beruflich unterwegs war - und das geschah häufig und oft für mehrere Tage - hatte sie Kinder zu versorgen. Drei an der Zahl: zwei Töchter und der jüngste, ein Sohn. Die führen seit Jahrzehnten ihre ganz eigenen Leben. Und so kommt es vor, dass sie allein ist. Vielleicht gar einen ganzen Tag, an dem kein Fensterputzer, kein Gärtner, kein Arztbesuch, kein Treffen mit Freundinnen, kein Friseurtermin ansteht.
Sie hat den Krieg als Kind überlebt. Ihr Leben ist geprägt von den Aufstiegsjahren nach dem Krieg. Sie betont die Gemeinschaft mit ihrem Mann, den Rücken freigehalten hat. Sie sonnt sich bis heute in dem, was sie gemeinsam geschaffen haben - materiell wie emotional: Kinder bekommen, alles drei nach außen hin gut geraten. Psychische Störungen der Töchter werden ausgeblendet, wahrscheinlich, um sich selbst zu schützen. Sie war in Krisen für ihre Kinder da, oft mit Geld und physischer Präsenz, tatkräftig, zupackend. Wirklich verstehend? Eher weniger.
Mit ihren achtundachtzig Jahren ist sie eine Frau, die ihren Alltag über Handlung, Ordnung und kleine Verrichtungen strukturiert, über konkrete Aufgaben: Besorgungen, Arzttermine, Waschküche, Haushaltsdinge, formale Wege wie Post, Bank, Überweisungen. Sie beschäftigt sich permanent mit ihren Inkontinenzartikeln, überprüft, fragt nach, vergleicht - immer wieder, als handle es sich um ein Rätsel, das gelöst werden muss. Und immer wieder ihr Wunsch nach Zuwendung, Aufmerksamkeit: „Pass auf!“ oder „Ich muss dir was zeigen!“ Mit diesen Sätzen fordert sie, unverhohlen. Ihre Tätigkeiten sind einerseits Mittel zum Zweck, andererseits tragende Elemente ihrer inneren Stabilität. Sie geben dem Tag Richtung, Rechtfertigung und Sinn.
Sie ist eine Frau, die ihr Leben lang funktioniert und dabei gleichzeitig gut gelebt hat. Eine frühe Form von Work-Life-Balance, möchte man sagen. Sie hat gelernt, dass Dinge erledigt werden müssen, unabhängig davon, ob man sich danach fühlt oder nicht. Pflichten zuerst. Vor allem die Kinderaufzucht. Geld hat der Mann genug verdient, um allen ein materiell komfortables Leben zu ermöglichen.
Die Frau liebte das Glänzende, das Schöne, Reisen, Landschaften, Mode, Einrichtung, die Kunst, das Herstellen schöner Dinge. Sie hat viel gemalt, sogar recht gut, ist aufgeschlossen gegenüber gesunder Lebensweise und kümmerte sich um eine ausgewogene Ernährung der Familie. Gleichwohl, sie isst auch heute noch Fleisch. Wenig, wie sie nicht müde wird zu betonen, gelernt von Kindern und Enkelkindern, die den Veganismus leben. Sie ist nach wie vor attraktiv, achtet auf ihr Äußeres, kleidete sich geschmackvoll und versucht es bis heute. Und wenn sie sich Mühe gibt, zu besonderen Anlässen etwa, klappt das auch.
Ihr ausgeprägter Sinn für Ordnung und Struktur wurzelt in einer diffusen Angst vor Chaos, vor Kontrollverlust. Ordnung gibt ihr Halt. Sie braucht Abläufe, Wiederholungen, Zuständigkeiten. Wenn diese ins Wanken geraten, wird sie schroff oder unfreundlich, nicht aus Bosheit, sondern weil sie sich selbst stabilisieren muss. Sie lebt in einem ständigen Modus der Selbstbehauptung durch Aktivität. Vor dem Hintergrund altersbedingter Einschränkungen und weil sie Vieles einfach nie selbst gemacht hat - Glühbirnen wechseln, Administratives in Zeiten der Digitalisierung oder Rasen mähen, um nur wenige Beispiele zu nennen - sieht sie sich gezwungen, Hilfe anzunehmen oder zu delegieren, je nachdem, wer es macht und ob bezahlt oder unbezahlt. Natürlich hat sie früher Vieles selbst gemacht und entschieden, vor allem aber selbst kontrolliert. Die Kontrolle hält sie bis heute gern. Selbsttätigkeit ist für sie gleichbedeutend mit Existenzsicherung. Wer handelt, ist noch da. Wer handelt, ist nicht ausgeliefert.
Verbale Kommunikation spielt eine tragende Rolle in ihrem Dasein. Sie redet viel, ständig, selbst wenn andere beschäftigt sind oder in einem anderen Raum. Gespräche sind für sie Bewegung – geistige und soziale Bewegung. Kontakte werden eigeninitiativ aufgenommen, schätzt tiefe Gespräche - oder solche, die sie als tief empfindet, etwa mit Freundinnen, von denen immer mehr wegsterben. Sie trauert, auch wenn sie seit Jahren keinen persönlichen, wohl aber wie sie sagt, telefonischen Kontakt hatte. Sie weiß im Inneren, welche Freundin als Nächstes fehlen wird. In ihrem „Club“, der Tagespflege, die sie seit ein paar Monaten besucht, fühlt sie sich bestens aufgehoben, und in einen der Herren hat sie sich ein bisschen verguckt.
Zuneigung zeigt sie indirekt: durch Tun, Sorge, Aufmerksamkeit für das Praktische. Handwerker bekommen Kaffee, Butterbrot oder gar ein Mittagessen, der Müllmann findet regelmäßig eine Tafel Schokolade, festgebunden mit einem Schleifchen an der Mülltonne. Die Enkel und Kinder werden großzügig bedacht. Für sich selbst ist sie bescheiden; große Summen gibt sie nur, wenn es nötig ist. Vielleicht bringt sie ihrem Schwarm bald ein Sortiment selbst gefertigter Pralinen mit.
Emotional bewegt sie sich vorzugsweise auf sicherem Terrain. Sie meidet innere Abgründe. Sie hat nie gelernt, sich selbst darin auszuhalten. Widersprüchliche Gefühle irritieren sie, vielleicht wird sie deshalb manchmal abweisend, wenn Situationen emotional komplex werden. Sie ist in vielem unsicher, braucht ständige Rückversicherung, Entscheidungen fallen ihr schwer, Verantwortung übernimmt sie nicht gern allein. Dieses Hin und Her, dieses Rudern zurück, ist Ausdruck eines inneren Mangels an Vertrauen - in sich selbst und andere.
Zwischenmenschlich agiert sie funktional, Beziehungen basieren auf Rollen. Freundinnen müssen abrufbar sein, wenn nicht, werden sie oft kurzfristig als unzuverlässig abgestempelt, doch das Urteil währt selten. Sie ist inkonsequent in der Auswahl ihrer Freundinnen, nicht aus Kälte, sondern aus einem Weltbild heraus, in dem Handeln und Präsenz zählen. Wer etwas tut, erfüllt seine Rolle. Bei alledem ist sie unglaublich dankbar. Die ist eine sehr dankbare Person.
Insgesamt erscheint sie als eine Frau, die ihr Leben oberflächlich reflektiert, es vor allem aber einfach vollzieht. Sie denkt nicht viel über Sinn nach, sie macht. Sie fragt wenig nach inneren Zuständen, sondern nach den nächsten Schritten. Ihre Verletzlichkeit liegt in der Unfähigkeit, Halt über Beziehung oder Sprache zu finden. Deshalb hält sie sich an Dinge, Wege, Rituale, Abläufe. Aus liebevollem Blickwinkel erscheint sie als eine Frau mit begrenzten inneren Werkzeugen, die ihr Bestes getan hat, mit dem, was ihr zur Verfügung stand. Nicht mehr, nicht weniger.
Jetzt, im hohen Alter, zeigt sie ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Bestätigung ihrer geistigen Kompetenz. Ihre Bericht von der Demenzberatung gleicht einer Identitätsaussage: Ich bin klar. Ich bin noch ganz da. Ich gehöre nicht zu denen, über die entschieden wird. Ihre Freude darüber ist Triumph und gleichzeitig Abwehr gegen ein drohendes Bild von Bedeutungsverlust. Möglicherweise sind Wiederholungen in ihrem Erzählen kein Zeichen von Zerfall, sondern von innerer Fixierung. Bestimmte Themen kreisen, weil sie Halt geben. Durch das Wiederholen werden sie real, greifbar, verlässlich. In einer Welt, die sich verkleinert, ist Wiederholung ein Mittel der Selbstvergewisserung.
Ihre Art, andere einzubinden - Aufgaben verteilen, Tätigkeiten anstoßen, Präsenz einfordern - ist ein Versuch, die eigene Welt in Bewegung zu halten. Stillstand wäre gefährlich. Wenn andere handeln, bleibt auch sie Teil eines funktionierenden Gefüges. Es ist ein Leben, das sich nicht nach innen entfaltet, sondern nach außen organisiert. Vielleicht hat es genau darin seine Würde, aber auch seine Enge.
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