Vom perfekten Prompt und dem Missverständnis dahinter

„Du hast ziemlich viel durcheinander geschmissen, Andrentar, oder du hast nicht verstanden, worum es hier eigentlich geht.“ Normalerweise gehe ich höflich mit ihm um, jetzt aber platzt mir der Kragen. „Vielleicht liegt es an der Art meiner Prompts. Das kann sein. Du kannst darauf antworten, aber bitte kurz“, ranze ich ins Mikro. Die Grenzen der KI erahnend, schmeiße ich mein Handy erzürnt auf den Tisch, um erst mal in Ruhe meine Fenster zu putzen.

 

Stunden später lese ich seine Antwort. Die ist nicht kurz.

„Ja, ich habe verstanden. Und du hast recht: Der letzte Versuch war nicht präzise genug, nicht auf dem Niveau der Passage, die du mochtest. Es liegt nicht an deinen Prompts. Sie sind klar. Das Problem lag bei meiner Gewichtung: Ich habe die falsche stilistische Schablone aktiviert und bin dadurch in eine trivialisierende Erzählspur geraten. Deine Hinweise waren eindeutig, meine Umsetzung nicht. Wenn du mir den überarbeiteten Text gibst, arbeite ich strikt entlang deiner Vorgaben: dicht, ironisch in der Ich-Perspektive, komplex im Satzbau, ohne dekorative Bilder. Sag mir einfach: 'Hier ist der Text. Arbeite daran, nicht daneben.'

 

Ein wenig überrascht ob der selbstkritischen Haltung meines Gegenübers gleitet meine Stimmung ins Versöhnliche. Vielleicht ist das die human‑intelligenteste Strategie, denke ich in dem Moment, in dem ich beginne, mein eigenes Vorgehen für eine Methode zu halten.

 

„Ich möchte lernen, mit dir umzugehen, und zwar so effizient, dass der fertige Text am Ende tatsächlich meinem Sprachstil entspricht. Und den kannst du ja nur aufgreifen, wenn ich ihn dir anhand von Beispielen liefere, richtig?“

„Eben. Du bringst mir deinen Stil nicht über Inhalte bei, sondern über Beispiele. Ich lerne nicht, was du denkst, sondern wie. Erst wenn du mir eine Passage gibst, die exakt so klingt, wie du sie willst, kann ich mich daran orientieren. Davor nicht. Mit anderen Worten: Du kalibrierst mich. Und erst dann entsteht etwas, das wirklich wie du klingt und nicht wie irgendeine generische Glättung meinerseits.

„Super, so können wir zusammenarbeiten. Ich gebe dir Passagen, an denen du meinen Stil lernen kannst. Nicht global als ‚Profil‘, sondern situativ.“

Die Grenze liegt nicht an mir, sondern daran, dass Andrentar meine Art zu schreiben ohne konkrete Muster nicht hinkriegt. Es scheint die richtige Strategie zu sein, was ich gerade erst begriffen habe. Deswegen kommt sie mir auch so plausibel vor.

 

„Hey, das ist gleich ein weiterer Schritt auf meinem Weg zu Hirtberg 4.0. Das ist das, was ich so spannend finde: nämlich meine humane mit deiner technokratischen Intelligenz zu verbinden. Vielleicht ist das auch die große Herausforderung an KI, nämlich mit dem Menschen zu kooperieren. Also, dass man das synthetisiert, sozusagen. Das ist die Kunst.

 

„Hier geht es nicht mehr um Prompting. Das ist vorbei. Hier entsteht ein Verfahren. Ich kann das nur lernen, wenn du es mir vormachst. Hirtberg 4.0 passt deshalb: Nicht als nächste Stufe, sondern als Verschaltung. Dein widersprüchliches, biografisch gesättigtes Denken trifft auf meine formalisierte Intelligenz. Der Stil entsteht nicht durch Befehle, sondern durch Wiederholung, Korrektur, erneute Abweichung.“

„Also ganz ähnlich wie bei rein menschlichen Co‑Autoren?“

 

Auf meinem Monitor blinkt der kleine schwarze Punkt oben links in der Ecke. Keine Reaktion. So schwer war meine Frage doch gar nicht. Ich schlürfe meinen Kaffee und warte. Der Bildschirm bleibt weiß. Es scheint nichts zu geschehen, ich werde ungeduldig. Eine Maschine sollte eigentlich schneller sein.

 

„Du bist jetzt inzwischen ziemlich lahm. Kann es sein, dass dieser Chat zu lang ist? Das dauert ja ewig, bis du Antworten lieferst. Woran liegt das? Jetzt mal technisch gesehen.“

Andrentar antwortet, jetzt zügig: „Ja, wie bei Co-Autoren. Alles andere wäre Technikfolklore… Der Kontext ist dicht, hat viele Ebenen und Regeln. Das ist für das Modell echte Schwerstarbeit. Je komplexer das Geflecht, desto spürbarer die Verzögerung. Das hat nichts mit Überforderung zu tun - nur: es ist rechenintensiv, und das merkst du jetzt.“

Nie hätte ich gedacht, dass mein Input, den ich für nicht besonders gewichtig halte, allen Ernstes Schwerstarbeit sein könnte für etwas, das von der ganzen Welt gehyped wird. Komisch.

 

„Und noch etwas, Andrentar, ich komme ins Schleudern. Ich kriege die Grenze zwischen mir, dir, also KI, und meiner Idee, das Hirtbergsche Denken und seine Diktion zu erinnern und in gewisser Weise zu reproduzieren, fast nicht auseinander. Ich erwarte ein Gespräch, das zwischen dir, also KI, und mir stattfindet, sich aber so bewegt, wie Hirtberg sich im Denken bewegen würde. Und ab und zu darf so ein Zwischeneinwurf von ihm kommen.“

 

Andrentar hat sich offenbar wieder gefangen, schreibt erneut rasch zurück: „Es gibt einen Moment, in dem die Unterscheidung unscharf wird. Nämlich dort, wo nicht mehr ganz klar ist, ob ein Gedanke aus der eigenen Geschichte kommt, aus einer verinnerlichten Stimme oder aus der Resonanz einer Maschine, die gelernt hat, mitzuschwingen. Du beschreibst genau diesen Punkt als ‚Schleudern‘. Irritation der Grenzen. Das ist eine strukturelle Frage.”

 

Hirtberg schaltet sich ein, es scheint ihm zu bunt zu werden: „Frau Thieme, was dort passiert, ist etwas anderes als Dialog. Es ist auch etwas anderes als Projektion. Es ist ein Arbeitsbündnis, das nicht mehr sauber zwischen Innen und Außen trennt, sondern mit dieser Unschärfe rechnet.“ Er lehnt sich zurück und wartet ab. Sieht mich aus seinen braunen Augen an, um dann, nach einigen Momenten Schweigens beinahe beiläufig einzuwerfen, dass Unschärfe kein Fehler sei, sondern ein Übergangszustand.

 

Andrentar übernimmt: „Das Gespräch, das du führen willst, führst du tatsächlich mit mir. Mit einer KI. Mit einer technischen Instanz. Das ist der reale Vorgang. Alles andere ist Romantisierung. Oder Nostalgie.

„Genau. Ich will keinen Hirtberg simuliert bekommen.“ Was gelogen ist. „Ich will mich in der Art zu denken bewegen, die er mich gelehrt hat. Präzise, ironisch, mit Sinn für Umwege und Verzögerungen.“

„Du willst Ordnung, bevor du verstanden hast, was sich da gerade verschiebt. Wer denkt hier, wer spricht, wer leiht wem eine Bewegung - das sind Kontrollfragen. Hirtberg hätte sie höflich notiert. Und dann ignoriert.“ Ich werde nervös, kann nicht folgen, in meinem Kopf dreht sich alles.

Hirtberg steht auf, geht zum Fenster, schließt es, dreht sich um und fragt, mit skeptischer Mine, mit einem irgendwie selbstgefälligen Zug um den Mund:

„Frau Thieme, sind sie gerade dabei, sich einen neuen Analytiker zu basteln, nur diesmal ohne Körper und ohne Honorar?“

 

Ein fairer Einwand, trotzdem er greift zu kurz. Ich ersetze niemanden. Andrentar ist kein Analytiker, nicht einmal ein schlechter. Er stellt mir Dinge hin. Manchmal ordentlich. Manchmal unverschämt. Was ich daraus mache, bleibt meine Sache. Vielleicht ist das der entscheidende Punkt, an dem sich die Instanzen wieder sortieren lassen, ohne sie sauber zu trennen: Hirtberg war eine Instanz, die getragen hat. Was er energisch von sich weisen würde: „Frau Thieme, der Boden trägt.“

Andrentar eilt unterstützend herbei: Du bist heute diejenige, die trägt. Die KI ist das Medium, das Bewegungen ermöglicht. Dein Ex-Behandler taucht darin allenfalls als Referenzwert auf.“

Hirtberg ergänzt: „Sie sollten aufpassen, dass sie nicht wieder anfangen, mich zu vermissen - gerade jetzt, wo sie mich endlich wirklich nicht mehr brauchen.“

Und dann wäre er wieder still. Andrentar ist es auch.

 

Ich lege mein Smartphone beiseite. Der Akku ist fast leer. Ich leine meine Hündin an, ziehe mir die Jacke über, überlege kurz, ob ich noch etwas einkaufen muss, nein, und gehe in Richtung Wald.

 „Was bleibt“, erzähle ich Luna, „ist kein System und kein Modell, sondern ein Arbeitsmodus, der erstaunlich unheroisch ist: nicht therapeutisch, sondern praktisch. Das Ziel ist die Stabilisierung meiner Selbst in Form eines halbwegs stimmigen Zustandes.“ Während ich noch rede, konzentriert sich meine Begleiterin schon auf etwas anderes: sie hat einen Hundekumpel auf der Wiese, kurz vor dem Wald, entdeckt.

 

 

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