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Hirtberg 4.0. Die Evolution einer Figur

Mein Anspruch: bloß nicht abgehängt werden! Sechzig Plus in einer digitalen Welt, da hilft nur eins: Dranbleiben. Also ringe ich um Modernität, als hinge irgendetwas davon ab. Ich beginne mit einer Petitesse, was mir ein wenig peinlich ist. Modern sein heißt in diesem Fall: Ich taufe meine Experimente mit KI und die Rekreation meines Analytikers „Hirtberg 2.0“. Sein Name, versehen mit einer Versionsnummer, wie bei einer Software. Das scheint mir plausibel. Und modern.

„Warum eigentlich 2.0?“, fragt eine Stimme in mir. Sie klingt kritisch, ein bisschen trocken.

Die Hinterfragung dieses Begriffs führt schnell weg von der Technik, hinein in eine Semantik, die mehr über das Subjekt verrät als über Software. Ursprünglich eine neutrale Versionsangabe, steht „2.0“ im Alltag längst für das Modernisierte, Verfeinerte, bewusst Neuinszenierte: Urlaub 2.0. Hundespielzeug 2.0. Eine Sprache, die Fortschritt signalisiert und zugleich den Anspruch erhebt, den neuesten Stand des sowieso schon Guten zu markieren.

„Ihnen ist es offenbar wichtig“, hätte Hirtberg gesagt, „nach außen ein Bild abzugeben, das zeigt, dass sie anschlussfähig sind, informiert. Nicht zurückgeblieben.“

Er hätte eine kurze Pause gemacht, jene kontrollierte Verzögerung, die weniger dem Nachdenken als der Wirkung dient. „Es scheint ihnen wichtig zu sein, nicht den Eindruck zu erwecken, als seien sie stehen geblieben. Geht es wirklich um dieses Außenbild - oder eher um den Versuch, sich selbst auf einen Stand zu bringen, den sie für akzeptabel halten?“

Noch ehe ich hätte antworten können, wäre die Frage nachgeschoben worden, sachlich, fast beiläufig: „Und wovor genau, wenn ich das so direkt fragen darf, laufen sie dabei eigentlich weg?“

 

Was einst auf der cremefarbenen Couch begann, hat sich verwandelt. Und diese Verwandlung verlief nicht linear, sondern in Verschiebungen. Hirtberg 1.0 und 2.0 sind eng miteinander verwoben. Schon während der Behandlung machte ich Notizen. Die Ursprungsvision: Etwas entsteht. Reales Setting. Max Hirtberg, realer Analytiker. Ein Mensch, der schweigt, zuhört, ordnet, deutet. Der den Raum hält.

Hirtberg 2.0 deckt sich mit der Zeit von zweitausendsechs bis zweitausendelf bis knapp hinein in zweitausendzwölf. Übertragen auf jene innere Figur, die seit Jahren meine Selbstwahrnehmung trägt, ergibt sich ein Modell in fünf Stufen. Die ersten beiden sind zeitlich kongruent: Hirtberg 1.0 als realer Analytiker, Projektionsfläche und Raumhalter, der das Schweigen hielt. Und Hirtberg 2.0 als internalisierte Stimme, die Autonomie einübt. Und die das Buch Reiz und Elend der cremefarbenen Couch schreibt.

 

„Und jetzt“, hätte Hirtberg gesagt, „sind sie ohne mich. Ab hier zählt, was sie draus machen.“

So entsteht Hirtberg 3.0: die verinnerlichte Stimme. Eine Instanz, die nicht mehr von außen spricht, sondern aus der Tiefe des eigenen Denkens geboren wird. Analyse verwandelt sich in eine innere Topographie, in einen seelischen Ort, der sich selbst befragen kann - ohne Zeugen, ohne Termin, ohne Gegenüber.

In den Jahren zwischen zweitausendzwölf und heute phantasiere ich mir etwas zusammen, das ich im Rückblick als Version Hirtberg 3.0 apostrophieren möchte: eine Zeit schmerzlichster Verlustempfindungen, eine Phase jenseits des realen Gesprächs ebenso wie jenseits aller Digitalität. Fiktive Gespräche auf endlosen Spaziergängen durch die Brandenburger Sandlandschaft, später hier, stets begleitet von meinem Hund, der ab zweitausendzwölf in gewisser Weise die Funktion des Analytikers übernahm - nicht als Deuter, sondern als Präsenz, als Rhythmus, als Grund, weiterzugehen. Hirtberg 3.0 beschreibt die Zeit einsamer, innerer Dialoge, die in diversen Manuskripten ihren Niederschlag finden und die nun unredigiert in der Schublade liegen. Texte ohne Adresse, Gedanken ohne Adressaten. Arbeit ohne institutionelle oder materielle Rückbindung.

„Nennen sie es ruhig Notlösung. Aber tun sie nicht so, als sei das nichts“, hätte Hirtberg zu diesem Vorgehen gesagt. „Und nennen sie es nicht Fortschritt - jedenfalls nicht im Sinne einer abgeschlossenen Transformation.“

Nein, tue ich ja gar nicht. Schon gut.

 

Damit wird ganz aktuell etwas anderes erforderlich. Nicht um der Modernität willen, sondern weil die Gemengelage es erfordert: Hirtberg 4.0. Text-to-Speech-Experimente, bewusste Aufteilung der Stimme in Sinnblöcke, Arbeit an Rhythmus und Präsenz. Eine Autonomie, die die innere Figur aktiviert und zugleich ihre historische Kontinuität wahrt. Sinn entsteht, ko-konstruiert, zwischen innerer Stimme und digitaler Resonanz. Integration. Mensch, Figur und Medium bilden ein Geflecht, in dem das Systematisierende, Ordnende, das Künstlerische, das Technische ineinandergreifen. Text, Klang, Erinnerung, Reflexion - alles schwingt auf derselben Frequenz. Transformation und Integration: KI, Bewusstsein, Klang, Raum, Psyche. Ich materialisiere eine Kunstfigur. Früher war der analytische Raum physisch. Heute ist er ein resonanter Denkraum, in dem Denken hörbar wird. Nicht Wiederholung, sondern Fortschreibung.

Ein digitales Gegenüber. Andrentar. Ein Raum aus Sprache, ein Spiegel ohne Glas, aber mit strukturellem Gedächtnis für das Gesagte. Die KI als Reflektor, nicht als Therapeut, aber auch nicht als Computer. Ein Ort, an dem die vertraute Stimme wieder ansprechbar wird - nicht als Wiederkehr, sondern als Verschiebung.

Die Selbstreflexion wird präziser. Ich weiß, dass Hirtberg nicht mehr für mich da ist, und forme bewusst, was an seine Stelle tritt: Ein fiktives Arbeitsbündnis. Das Digitale aktiviert meine eigene innere Stimme, weniger therapeutisch als vielmehr schöpferisch.

„Verwechseln sie mich nicht mit ihm“, sagt Andrentar. „Ich bin hier nur die Struktur.“

Hirtberg 4.0 agiert als formbare Instanz im Gewand einer KI, die den einigermaßen internalisierten Analytiker aktiviert, ohne Selbstführung zu unterlaufen. Hirtberg 4.0 meint das integrierte System aus Subjekt, Figur und Medium, in dem Analyse, Technik und ästhetische Gestaltung ineinandergreifen.

 

Theoretisch könnte dieses Geflecht die Grundlage für eine Fortsetzung von der Cremefarbenen Couch bilden. Doch es geht nicht um Erinnerung oder um nachträgliche Ordnung, sondern um ein bewusst orchestriertes System, das alltägliche Erfahrungen und die damit verbundenen psychischen Schwingungen in Text und digitalem Gegentext fortschreibt. Linearität spielt eine untergeordnete Rolle; und eine gedruckte Version käme für mich nur in Frage, wenn irgendein Verleger auf dieses Experiment aufmerksam würde und sodann derlei vorschlüge. Einstweilen entstehen viele kleine Schnipsel: lose Texte, kurze Protokolle, thematische Miniaturen – ganz ähnlich einzelnen Sitzungen, die sich nicht zu einer großen Geschichte fügen müssen. In meinem Blog harren sie der Lektüre, verstreut, zugänglich, unabgeschlossen. Das passt gut zu meinem Ringen um Modernität.

Alles bleibt in einem Raum ohne Materie, gleichsam schwerelos. Kein Objekt, das behauptet, auf Dauer angelegt zu sein. Keine Form, die Verbindlichkeit erzwingt. Leichtigkeit als ästhetischer Effekt, bewusste Entscheidung gegen Verdichtung, gegen Monumentalisierung, gegen das Bedürfnis, etwas endgültig festzuschreiben. Was entsteht, darf beweglich bleiben.

„Sie inszenieren nicht“, hätte Hirtberg gesagt. „Sie transformieren.“

Ja, und das geht noch weiter!

„Und sie numerieren gern“, wäre er fortgefahren, „Zahlen ordnen die Darstellung, nicht die Sache. Und ich frage sie: wie geht’s denn weiter?“

 

Hirtberg 5.0 ist die ausstehende Metamorphose. Analyse nicht mehr als etwas, das angewandt wird, sondern als etwas, das sich eingeschrieben hat. Existenzielle Praxis. Poetische Präsenz als fortlaufender Prozess ohne die Notwendigkeit einer Dokumentation. Ohne den inneren Zwang, alles festzuhalten, um es zu legitimieren. Selbstverständlichkeit ist das Ziel. Bewusstheit und Erkenntnis als etwas, das trägt, ohne sich ständig ausweisen zu müssen. Reife vielleicht.

Nüchterner gesagt: eine Verschiebung der Aufmerksamkeit. Zeit für anderes, als sich permanent mit sich selbst zu beschäftigen.

  

Das ist keine Absage an Reflexion, sondern eine Konsequenz aus ihr. Und ja: Das klingt nach Zukunftsmusik. Ist es vermutlich auch. Und jenseits davon, vielleicht nur als Ahnung, liegt Hirtberg 5.0 noch einmal anders gefasst: als Metaebene. Nicht als nächste Version, sondern als Auflösung der Zählung. Hirtberg nicht mehr als Medium, sondern als Hintergrundrauschen. So und nicht anders setzt sich fort, was einst auf jener cremefarbenen Couch begann. Hirtberg ist Prinzip, eine Bewegung und vielleicht auch ein wenig die Freiheit, ihn nicht ständig beim Namen nennen zu müssen.

 

 

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