Es beginnt mit der Absicht, eine bestimmte Folge einer seit Jahren laufenden Fernsehserie anzusehen, genauer gesagt Folge 4488 einer Soap, deren inhaltliches Niveau hier nicht zur Debatte stehen soll. Ein klar umrissenes Ziel, kein existenzieller Anspruch, keine ästhetische Grenzerfahrung - lediglich der Wunsch, etwas zu sehen, das bereits existiert, bezahlt ist und theoretisch jederzeit verfügbar sein müsste. Auf in die Mediathek!
An dieser Stelle tritt die Realität der sogenannten digitalen Benutzerfreundlichkeit auf den Plan. Der Fernseher ist eingeschaltet. Programm läuft. Ein Krimi. Von dort aus öffnet sich nach Nutzung der Fernbedienung ein System aus Kacheln, Untermenüs, flüchtigen Einblendungen, die erscheinen und verschwinden, bevor irgendeine Entscheidung getroffen werden kann. Die Pfeiltasten meiner Fernbedienung führen seitwärts in Paralleluniversen aus Serienhighlights, Empfehlungen, Filmen, Audiotheken, Sportschau - Werbung nicht zu vergessen - und anderem öffentlich-rechtlichem Angebot. Eine rote Taste weckt kurz Hoffnung auf ein baldiges Erreichen der Mediathek, zieht sie aber sofort wieder zurück. Die Back-Taste bringt mich zuverlässig an Orte, zu denen ich definitiv nicht wollte.
Die gesuchte Folge taucht nicht auf, dafür Folge 4519, 4520 und sogar 5023 oder irgendein anderer Restposten. Ein Zurückscrollen ist nicht vorgesehen. Links öffnet sich ein weiteres Menü, rechts auch. Orientierung wird nicht angeboten, sondern vorausgesetzt - und zwar in einer Weise, die nur jemand haben kann, der täglich mehrere Stunden in diesem System verbringt oder beruflich an dessen Erschaffung beteiligt war.
An diesem Punkt setzt der zentrale Irrtum der zeitgenössischen Medienlandschaft ein: die Annahme, Unterhaltung sei etwas, in das man sich „einarbeiten“ müsse. Statt Entspannung entsteht Wut. Bei mir jedenfalls. Die Suche nach einer einzelnen Folge endet im Abbruch des gesamten Unterfangens. Das lineare Fernsehen erscheint plötzlich als letzter Rest von Stabilität: ich wähle die „Aktuelle Stunde“, danach „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, jene alljährliche Sedierung, die zuverlässig funktioniert, gerade weil sie nichts verlangt.
Das Problem endet nicht beim Fernsehen. Es setzt sich nahtlos - und quantitativ potenziert - fort im Reich der Streaming-Dienste. Netflix, Prime, RTL Plus, Spotify bilden nur einen Ausschnitt aus einer unüberschaubaren Ansammlung von Plattformen, die alle dasselbe versprechen: Freiheit, Auswahl, Individualität. Was sie liefern, ist vor allem Verwaltung: Abos, Logins, Algorithmen, Vorschläge und subtile Schuldzuweisungen, wenn ein Angebot nicht genutzt wird, obwohl es bezahlt ist.
Spotify etwa: monatlich abgebucht, von mir kaum geöffnet, konzeptionell nicht wirklich nachvollziehbar. Audible: theoretisch interessant, praktisch ein Minenfeld aus Abomodellen, Credits und Preisvergleichen. Musik, Hörbücher, Podcasts - alles verfügbar, alles gleichzeitig, alles gekoppelt an die Voraussetzung, sich intensiv damit zu beschäftigen, um das Angebot individuell sinnvoll zu nutzen. Ich möchte mich aber nicht einarbeiten. Weil ich finde, dass Unterhaltung kein „Projekt“ ist, erst recht kein Hobby. Unterhaltung ist ein situatives Bedürfnis, das kommt und geht. Heute ja, morgen nein. Einschlafen mit einer Stimme, die nicht fordert. Wachliegen ohne Langeweile. Beruhigung statt Erbauung. Und manchmal auch Neugier - auf Themen wie die Rauhnächte, auf Reportagen, auf Hörspiele. Die finde ich im Internet. Anders als Folge 4488 im TV.
Aber Achtung: Hier tauchen KI-generierte Stimmen auf, pseudomystische Kanäle, sanfte Erzählungen mit zweifelhafter Seriosität. Ich höre sie an - glaube das Gesagte aber nur bedingt. Die Stimme wirkt, nicht der Inhalt. Mir ist klar: Einlullung ersetzt Erkenntnis. Mein Konsum erfolgt nicht naiv, sondern bewusst opportunistisch: als Mittel gegen Unruhe, gegen Schlaflosigkeit, gegen das leere Starren ins Dunkel. Ist das gefährlich? Vielleicht. Aber in einer Welt, in der alles potenziell gefährlich ist - vom Vapen bis zur Achtsamkeitsmeditation - wirkt diese Form des Mediengebrauchs eher wie ein pragmatischer Waffenstillstand mit meinem eigenen Nervensystem.
Der Wendepunkt liegt in der Entdeckung, dass es Alternativen gibt, die weniger laut schreien, weniger binden und nicht optimieren wollen. Audiotheken etwa, auch öffentlich-rechtlich. Für mich idealerweise europäisch, kostenlos und vor allem: ohne Abo und ohne amerikanischen Heilsversprechen-Unterton. Hörspiele, Features, Literatur, Reportagen. Mit brauchbaren Inhaltsangaben. Ein Klick, und es läuft. Pause. Am nächsten Abend weiter. Keine Credits, keine Serienempfehlungen, kein „Das könnte Ihnen auch gefallen“.
Plötzlich wird mir klar, was eigentlich das Problem ist: nicht die Technik an sich, sondern ein System, das sich wichtiger nimmt als seine Nutzer. Ein System, das permanente Aufmerksamkeit fordert, aber elementare Orientierung verweigert. Ein System, das Wahlfreiheit simuliert und dabei systematisch überfordert. Mein Befund lautet: Nie war es so schwer, sich gezielt trivial berieseln zu lassen. Nie war das Angebot größer, die Nutzung komplizierter und die Erschöpfung schneller erreicht. Der moderne Medienkonsum gleicht einem Selbstbau-Möbel ohne Anleitung, bei dem am Ende immer eine Schraube übrigbleibt und niemand weiß, wofür sie gedacht war.
Die vernünftigste Reaktion darauf ist nicht Enthaltung, sondern radikale Fokussierung. Weniger Plattformen. Weniger Abos. Weniger Versprechen. Mehr Kontrolle, mehr Misstrauen, mehr Eigenwilligkeit. Und die Erkenntnis, dass man sich nicht überall einklinken muss, nur weil es technisch möglich ist. Mir reicht ein Hörspiel. Oder ein guter Film. Oder gar nichts. Das ist die radikalste Medienkritik, die heute möglich ist.
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